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3D-gedruckte Bohrschablonen als Standard: Unabhängigkeit durch Digitalisierung

Eine Praxis, in der die Patienten an 3D-Druckern vorbeilaufen und wo intern gefertigte Bohrschablonen Standard und nicht optional sind? In der familiengeführten Gemeinschaftspraxis Dr. Horvath ist das bereits Realität.

Dr. Sebastian Horvath arbeitet seit über 10 Jahren digital und vertritt die digitale Zahnmedizin auch in seinen Lehrtätigkeiten der University of Pennsylvania (USA) und am Universitätsklinikum Düsseldorf sowie als Spezialist für die Prothetik der Deutschen Gesellschaft für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien (DGPro).

Der Zahnarzt Dr. Sebastian Horvath (rechts) in der familiengeführten Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau, Dr. Nicole Horvath, Kieferorthopädin, und seinem Vater, Dr. Domonkos Horvath, ebenfalls Zahnarzt.
Der Zahnarzt Dr. Sebastian Horvath (rechts) in der familiengeführten Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau, Dr. Nicole Horvath, Kieferorthopädin, und seinem Vater, Dr. Domonkos Horvath, ebenfalls Zahnarzt.

Zusammen mit seinem Vater fokussiert sich Dr. Horvath auf ästhetisch-restaurative Zahnheilkunde, während seine Frau als Kieferorthopädin den zweiten Schwerpunkt der Gemeinschaftspraxis bildet. Bei den Patienten handelt es sich dabei oft um komplexe Fälle, die eine kieferorthopädische Vorbehandlung erfordern. Sie kommen, weil ihnen die nahtlose Kommunikation zwischen Kieferorthopädie und Zahnmedizin wichtig ist – und nicht nur da überzeugt die volldigitale Praxis mit Schnelligkeit und Unabhängigkeit.

Im Interview berichtet Dr. Horvath, wie fortgeschrittene Digitalisierung bei jedem Behandlungsschritt Kontrolle garantiert und warum 3D-Druck kein High-Tech sondern eine logische Weiterentwicklung subtraktiver Verfahren ist.

Sie sind generell gut vertraut mit dem “digital Workflow” und setzen Bohrschablonen standardmäßig ein. Was würden Sie Kollegen empfehlen, die sich mit dem Thema noch nicht so gut auskennen?

Man muss sich überlegen, auf welche Art und Weise man arbeiten will. Gerade im Hinblick auf Implantate möchte man anatomisch richtig arbeiten, aber was für den Langzeiterfolg ebenfalls wichtig ist, ist es das Implantat korrekt zu positionieren. Die Gestaltung der Approximalkontakte, der Krone, der Position des Schraubkanals bekommt man dabei alleine – also nicht geführt – nicht so hin. Die Frage ist nicht, ob man ein Implantat eingesetzt bekommt, sondern wie präzise man vorhersagbar einen Langzeiterfolg erreichen will. Wenn man so wie geplant arbeiten möchte, muss man geführte OPs mit Bohrschablonen durchführen.

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Wann sollen Zahnärzte Bohrschablonen verwenden und sollte es ein zusätzlicher Service oder der Standard sein?

Jeder Arzt muss selbst entscheiden, wie er für seine Patienten korrekt arbeitet. Aber wir für uns können sagen, dass wir geführte OPs mit Bohrschablonen standardmäßig durchführen. Das ist für uns nichts Optionales. Wir verwenden Bohrschablonen, damit wir das Implantat anatomisch den entsprechenden Gegebenheiten anpassen, aber auch das Implantat in einer Position ist, in der es prothetisch gut versorgt wird.

Was bedeutet die Arbeit mit Bohrschablonen auf Seite des Patienten und der Praxismitarbeiter?

Der Einfluss von Bohrschablonen in geführten OPs ist für Patienten und Behandler gleich: Ein vorhersehbares Ergebnis, das besser und länger funktioniert, mit weniger Problemen.

Was ist der größte Vorteil 3D-gedruckter Bohrschablonen und wie haben Sie bisher gearbeitet?

Wir verwenden Bohrschablonen schon lange: Ganz früher extern hergestellt im Labor, dann mit Cerec und jetzt können wir sie im 3D-Druckverfahren selbst herstellen. Der größte Vorteil bei der internen Herstellung von 3D-gedruckten Bohrschablonen ist, dass wir unabhängiger werden.
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Natürlich gibt es auch einen finanziellen Vorteil, aber mit dem würde ich nicht argumentieren. Dadurch, dass wir unabhängig sind, haben wir keine Wartezeit von zwei Wochen wie vorher und können den Zeitfaktor für die Patienten deutlich reduzieren. Es ist immer besser, schnell handeln zu können. Dadurch, dass man den gesamten Prozess in der eigenen Hand hat, ist es viel sicherer und auch angenehmer, weil man nicht von anderen Faktoren abhängig ist, egal, ob es beim Design oder beim Versand ist.

Wie lange arbeiten Sie bereits mit Formlabs und wie haben Sie 3D-Druck für sich entdeckt?

Seit einem Jahr und mit zwei Form 2 3D-Druckern arbeiten wir mit Formlabs. Wir hatten damals überlegt, dass wir gerne intern herstellen würden und fanden 3D-Druck, die additive Herstellung, sehr einleuchtend gegenüber der subtraktiven Herstellung: Zum einen lassen sich Objekte herstellen, ohne Müll und Maschinenwartung wie bei subtraktiven Verfahren mit Spänen.
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Zum anderen kann man sich jetzt, wo sich Behandlungen komplett digital planen lassen, Modelle nach Bedarf drucken. Wir haben uns verschiedene Drucker angeschaut und da es für den Form 2 auch eine Integrierung mit der 3Shape-Software gab, haben wir gesagt: Wir probieren es mal aus. Bei der Frage, was wir drucken, haben wir uns zunächst für Bohrschablonen entschieden und dann wollte meine Frau für die KFO auch Modelle drucken. Unserer erster 3D-Drucker war dann so ausgelastet, dass wir uns noch einen zweiten gekauft haben, damit ein Drucker Bohrschablonen und der andere Modelle drucken kann. Jeden Tag läuft mindestens einer unserer 3D-Drucker und wir können sie selbst, ohne Schulung oder Wartung, bedienen.

Wie hat der 3D-Druck und speziell der Form 2 Ihre Arbeit in Praxis und Forschung verändert?

Im Vergleich zu vorher haben wir mit der digitalen Zahnmedizin vor allem qualitativ einen großen Vorteil – die Passung ist besser – und zum anderen organisatorisch. Wir haben uns entschieden, nichts mehr mit Gips zu machen und den digitalen Weg zu gehen, und Modelle nur nach Bedarf herzustellen, bzw. zu drucken. Als man noch nicht digital gearbeitet hatte, hatte man viel mehr Wege: Vom Abdruck machen über externe Erstellung des Modells bis zum Einscannen des Models war viel mehr Planung nötigt. Das ist heute digital viel einfacher.

Dr. Sebastian Horvath mit einer Patientin und ihrer 3D-gedruckten Bohrschablone neben den zwei Form 2 3D-Druckern der Gemeinschaftspraxis.
Dr. Sebastian Horvath mit einer Patientin und ihrer 3D-gedruckten Bohrschablone neben den zwei Form 2 3D-Druckern der Gemeinschaftspraxis.

Und zuletzt die Frage: Ist 3D-Druck immer noch zu teuer oder schwer integrierbar in das Krankenkassensystem?

Es geht nicht darum, was eine Bohrschablone kostet oder eine 3D-gedruckte Bohrschablone. Wir machen das nicht optional, wir sind überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist. Wir haben als Arzt die Aufgabe zu sagen: Für dieses Problem ist das die Lösung. Damit man einen Zahn vorhersagbar und langzeitstabil ersetzen kann, muss man die Position des Implantates vor der Operation geplant werden und die Übertragung dieser Position in die Realität sichergestellt werden. 3D-gedruckte Bohrschablonen ermöglichen genau das.